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Weil es jeden Tag etwas zu erzählen gibt…

Auf Kaffeefahrt – ein Erlebnisbericht

ASCHAFFENBURG/OBER-KAINSBACH. Über Kaffeefahrten hat jeder schon viel gelesen und gehört. Trotz großer Berichterstattungen: Die Fahrten haben Hochkonjunktur und die Methoden werden immer frecher und unverschämter. Ich arbeite als Volontär im Funkhaus in Aschaffenburg (Radio Primavera, Main.tv, Radio Galaxy, PrimaSonntag, StadtZeitung, primavera24.de), wollte es genau wissen und nahm an einer Veranstaltung teil, die angeblich ein Gewinnspiel mit Preisübergabe von „Das Telefonbuch“ war. Das Telefonbuch weist auf seiner Homepage jedoch auf einen großen Betrug hin. Mit meinem iPhone 3G (sehr labiler Akku, aber vollgeladen) machte ich mich auf den Weg und erlebte Dinge, die man mit Worten eigentlich nicht beschreiben kann. Über Twitter verbreitete ich live einen Undercover-Bericht, der große Wellen schlug (#PoUnCo für Poppe Undercover). An dieser Stelle vielen Dank für den großen Zuspruch, die vielen Empfehlungen und die nette Recherche-Hilfe.

7:30 Uhr: Abfahrt in Aschaffenburg-Schweinheim. Der Bus ist bereits gut mit Leuten aus den Nachbarstädten Goldbach und Haibach gefüllt, insgesamt fahren fast 40 Personen mit. Vom Veranstalter keine Spur. Der Busfahrer will lediglich die Einladung sehen. Auf meiner steht ein Frauennamen – ihm ist es gleich.

7.45 Uhr: Durchsage vom Busfahrer: “Näheres weiß ich jetzt auch nicht, aber es geht nach Kainsbach im Odenwald.” Im Bus könnten – abgesehen von zwei Frührentnern – alle meine Großeltern sein.

8.30 Uhr: Ankunft in Ober-Kainsbach im Odenwald. Im Gasthaus/Pension „Zum Hohenstein“ geht es in den großen Saal. Das versprochene „reichhaltige Frühstück“ besteht aus 0,5 cl O-Saft, der auch noch nach Schorle schmeckt (bei dieser Menge aber schwer zu testen), einem gekochten Ei, einem Kaffee und einem alten Brötchen (geschmacklich vom vergangenen Samstag) mit einer Scheibe Käse und Wurst. Der Hunger treibt’s rein,…

9.00 Uhr: Es geht los. Ein Mann stellt sich als Engelbert, verheiratet, ein Kind, vor. Er betont: „Wir sind keine Kaffeefahrt, sondern eine Sponsorenveranstaltung!“ Hinter ihm stehen Teddybären, Messersets und Videokameras. Mit Witz und Charme versucht er zu überzeugen: „Alles kann, nichts muss!“ Immer wieder weißt er auf Tugenden hin, dass man “Danke und Bitte” sagt, sich höflich verhält, wenn man irgendwo eingeladen ist und sich eine Meinung erst bilden kann, wenn etwas vorbei ist und man es erlebt hat!

9.20 Uhr: Ein älterer Herr fragt, wann der angekündigte Gewinn ausgezahlt wird. Alles lacht. Engelbert weicht gekonnt aus, lenkt vom Thema ab und kommt erneut mit seinen “Vorurteile kann ich überhaupt nicht leiden”-Sprüchen, die die 65 Senioren verstummen lassen.

9.30 Uhr: Engelbert erklärt das Gewinnschreiben: „Man muss schon richtig lesen!“ und „Packen Sie das jetzt mal weg!“ sagt er dabei geschätzte 20 Mal. In der Tat, alles so clever geschrieben, dass man vom Gefühl her schon 1.500 Euro in der Tasche hat. Der Gewinn „kann“ jedoch ausgezahlt werden – muss aber nicht. Mit unzähligen Wortwendungen versehen ist klar, dass kein Senior mit 70 oder 80 Jahren den Überblick behalten kann. Dennoch verspricht Engelbert erneut, dass dieser Ausflug anders wird, als “die miesen Abzockertouren, die einige von Ihnen anscheinend leider schon erleben mussten!”

9.50 Uhr: Der Hauptgewinn wurde laut Engelbert von 1.500 auf 5.000 Euro erhöht (Das wird am Ende der Veranstaltung noch mal sehr interessant – also im Hinterkopf behalten!). Am Ende soll jeder ein Los bekommen und dann “kann” einer der Mitreisenden diese unglaubliche Summe gewinnen. Engelbert fordert Applaus, bekommt wenig Zuspruch und schimpft über die schlechte Laune der früher noch wesentlich besseren Mitfahrern. Danach übergibt er an den „Sponsoren“.

10.00 Uhr: Der Sponsor heißt Heiner und legt im Mario Barth-Stil los. Ein Feuerwerk an Witzen und Weisheiten. Mit „Sie verstehen doch Spaß, oder? Wenn hier ein Spiegel wäre und Sie Ihre ernsten Gesichter sehen könnten,…“ provoziert er gute Laune. Auch er lobpreist die Werte der “alten Generation”, die ihm sein Vater und Opa noch gelernt und vorgelebt haben. Die Alten stimmen zu, vervollständigen die Sprichwörter.

10.25 Uhr: Heiner will „nicht im Vorfeld in einen Sack gesteckt werden. Das Niveau der Gäste hat in den letzten Jahren sehr stark nachgelassen!“. Er ist erbost über das Schmarotzerverhalten vieler Mitfahrer, schimpft über BILD-Berichte und will „heute das wahre Gesicht einiger hier aufzeigen!“ Die Anwesenden schauen erstaunt, Heiner klärt auf, dass er zu viel mit alten Leuten erlebt hat und den Respekt verloren hat. Die Gäste heute könnten ihn aber gerne vom Gegenteil überzeugen. Es folgt ein Beispiel eines Kunden, dem er ein Topfset schenkte, dass dieser angeblich sehr gut gebrauchen konnte: “Den habe ich zwei Monate später besucht, weil ich in der Stadt war und was war? Es lag noch original verpackt im Schrank – der hat mich verarscht!”

10.40 Uhr: „Glauben Sie mir, dass sie mit Leistungen für 1.000 Euro gehen?“ – „Nein“, antworten die Gäste. Heiner ist jetzt stinksauer, Engelbert soll das Mittagessen abbestellen. Der angebliche Emdener schimpft wie ein Rohrspatz, erzählt weiter von schlimmen und undankbaren Kunden aus der Vergangenheit und hat „auch heute schon einige von der Sorte ausgemacht“. Er will die Gäste testen und die Lügner und Betrüger auffliegen lassen.

11.00 Uhr: Seit einer Stunde laufen die Psychospiele jetzt schon. Immer wieder wird an die Moral der Mitfahrer und ihren Anstand appelliert. Angeblich soll es nach dem Frühjahr keine kostenlosen Fahrten mehr geben: „Es macht einfach keinen Spaß mehr!“ Heiner listet die kostenlosen Dinge des Tages auf (Busfahrt, Frühstück, Mittagessen) und mosert: “Wenn immer nur aus einem Topf genommen und nichts hinein getan wird, dann ist dieser Topf irgendwann leer!”

11.10 Uhr: Es geht Los. Endlich. Töpfe von Mistral werden mit „das Beste was es derzeit auf dem Markt gibt!“ angekündigt. Heiner zieht über den HSE-Shop her. Reden kann er, muss man ihm lassen. Erneut die gleiche Masche, mal Witze, mal Aggro-Heiner, dann wieder die böse BILD, die für das negative Image aller sorgt, obwohl es doch nur wenige schwarze Schafe gibt.

11.20 Uhr: Die Mistral Garpfanne gibt es heute für nur 49.90 Euro. „Wir sind Direktanbieter, nur so ist dieser Sensationspreis möglich.“ – Auf Twitter schreiben mir Mitleser, dass diese Pfanne im Internet für 20 Euro angeboten wird. Heiner: “Ich habe nur drei dieser Pfannen und ich will sie verschenken. An Kunden, die es verdient haben. Dafür sind fünf Faktoren wichtig! Liebe, nette, ehrliche, vertrauenswürdige Kunden und die, die ich gut leiden kann!” Erneut macht er mit “einige von Ihnen werden sich heute noch richtig in den Arsch beißen” Panik.

11.40 Uhr: Weiter geht es mit dem SBS-Messerset: „Billig ist das nicht, das ist Handarbeit! Echte deutsche Qualität aus Solingen!“ Im Wurzelholzkoffer soll es eigentlich 699 Euro kosten – „auf unseren Messen für Sie nur 198 Euro!“. Man kann die Qualität gerne in der Pause prüfen, jedoch soll man vorsichtig sein, da die Messer messerscharf (kein Witz!) sind. Heiner will nicht, dass der Notarzt kommen muss, weil sich jemand einen Finger abgeschnitten hat. Das kann bei diesen Top-Produkten schnell passieren. Die Senioren sollen jedoch eigentlich Abstand halten, um die mindere Qualität der Bilig-Ware nicht zu erkennen.

11.50 Uhr: Eine Digitale Videokamera der Firma Eifa ist als nächstes dran. Im Fachhandel (MedieMarkt und Co.) soll sie 699 Euro kosten. Hier und ab März auf unseren Verkaufsmessen nur 199 Euro. (Die Kamera ist ein No-Name-Produkt, sogar mein iPhone macht bessere Bilder! Bei Ebay wird sie für 39,90 Euro angeboten).

12.00 Uhr: Jetzt wird es ernst. Der Hauptsponsor heißt Painflex und kommt aus Bremen. Decken mit einer Magnetfeldtherapie werden von Engelbert vorgeführt. Der war laut Heiner erst auf einem achtwöchigen Seminar für die Topneuheit, die bei richtiger und regelmäßiger Anwendung viel bewirken kann. Plötzlich wieder große Freundlichkeit. Die Verkäufer haben aus den Medienberichten gelernt: „Die Tür steht immer offen, Sie können gerne spazieren gehen oder auf die Toilette! Bei uns wird doch keiner eingesperrt, einige von Ihnen scheinen ja schon so einiges erlebt zu haben.“

12.20 Uhr: Es werden Studien der Decke an die Universität in Miami und Carlos Valbona gezeigt. „Dr. Jörg Zittlau hat bei Patienten mit diesen Krankheiten Erfolge erzielt,…“ – eine lange Liste wird gezeigt. Ein Twitter-User teilt mir mit, dass Dr. Jörg Zittlau ein Doktor der Philosophie ist und über „den erotischen Nihilismus Otto Weiningers“ promoviert hat. Zittlaus Buch wird gezeigt, 20 Jahre Garantie versprochen. Für die Gäste ist das schon alles sehr überzeugend. Mit den Therapien für Menstruationsbeschwerden und Tennisellbogen lockert Engelbert die Veranstaltung wieder: “Menstru… ähm, das hatte ich persönlich jetzt noch nicht…, Tennisellbogen, den kann man ja auch von anderen Dingen bekommen,… ähm, Sie wissen schon… Sie verstehen doch Spaß, oder?”

12.35 Uhr: Die Decke kostet 1.798 Euro. Engelbert zeigt clever erst mal die Franken-Preise von weit über 2.000 Sfr (genaue Zahl weiß ich leider nicht mehr), erwähnt dann, dass es natürlich in Deutschland viel günstiger ist. Dann macht er den Montagsmaler und große Herzinfarkt- und Schlaganfall-Panik. Er zeichnet eine Arterie, die Verstopfungen aufweisst. “Mit Blutverdünnern läuft das Blut dann zwar wieder gut durch, aber irgendwann ist das Ding total zu und sie fallen um! Die Magnetfeldtherapie bewirkt, dass diese Verstopfungen sich langsam entfernen, nach und nach, wenn Sie diese Therapie korrekt anwenden. Das ist natürlich kein Wundermittel und Sie werden nicht nach zwei Anwendungen einen Erfolg merken…”.

12.45 Uhr: Engelbert läuft plötzlich wieder heiß und beschimpft potentielle Nichtkäufer: „Mit 0-Euro-Fahrern kann man das nicht finanzieren! Nicht immer nur nehmen, auch mal zurückgeben! Das gehört sich so!“ Minutenlang predigt er Anstand und Moral, weißt wie schon Heiner auf die Wertvorstellungen der älteren Generation hin. Erstaunlich exakt und einstudiert klingen dabei die Sätze der beiden Profis fast gleich. Immer wieder holt er sich die Zustimmung der Senioren, lässt sie alte Weisheiten vervollständigen und besorgt sich so schon mal eine Freikarte, die er später wieder ausspielen zu kann.

12.55 Uhr: Vier Produkte (Reiniger, Erkältungssalbe, Fußbehandlung und Kräutersalbe) werden vor der Pause noch schnell zwischen 10 und 30 Euro angepriesen. Viele der Mitreisenden kennen sie schon, erstaunlich viele haben gute Erfahrungen damit gemacht. Die Erkältungssalbe soll wesentlich besser als MediNight sein, zudem schneller einziehen, die Haut nicht reizen. “Die kann man sogar bei Kleinkindern anweden”, predigt er – auf der Verpackung steht das genaue Gegenteil und ein empfohlener Verkaufspreis von über 20 Euro. „Nur wer etwas kauft, kann am Gewinnspiel teilnehmen. Wer mehr kauft, hat bessere Chancen…“. Jeder muss eine Karte ausfüllen, wird nach Kaufmenge gezeichnet (KK = Kleinkunde, GKK = Guter Kleinkunde, SGK = usw.). Mit „fast nichts da“, „schnell zuschlagen“ und „super Preis“ werden unzählige der Produkte verkauft.

13.10 Uhr: Eine Oma will nichts kaufen. Engelbert schreit sie an: „Bleib nächstes Mal zu Hause, wenn du keine Manieren hast!“ Das Mittagessen (Hackbraten, Kartoffeln, Erbsen und Möhren) wird serviert, Engelbert kassiert die verkauften Produkte ab. Das Essen ist ok, nach mehr als sechs Stunden ist eine Stärkung auch dringend notwendig.

14.00 Uhr: Heiner macht weiter, legt richtig los. Er erzählt erfundene Privatgeschichten von Freunden, die ihn betrogen haben, „assozielen Kunden“ und stellt ständig die Frage: „Aber Sie sind nicht so, oder?“ Langsam geht es in Richtung Psychoterror, ich muss mich zusammenreisen.

15.30 Uhr: Nach anderthalb Stunden Gehirnwäsche mit ständigen Anfällen von Wut und guter Laune fängt Heiner an mit den Gewinnzetteln Geschenke zu verteilen. Die drei Pfannen verschenkt er, fragt ständig nach, ob der Beschenkte sie überhaupt braucht und baut die Story des unverschämten Mannes, der die Pfannen unbenutzt zu Hause hatte, weiter aus. Jeder Kunde wird gefragt ob er ein Messerset oder eine der Kameras geschenkt haben will. Heiner betont mehrfach: „Aber nur melden, wenn man wirklich eine braucht! Ich werde heute noch jede Menge Lügner unter Ihnen finden und ich werde Sie testen!“

15.40 Uhr: Eine Oma sagt, dass sie beide Geschenke nicht braucht, möchte von ihrem Enkel erzählen, der die Kamera benötigen könnte. Engelbert wird sauer: „Ich will Ihre Geschichten nicht hören, lassen Sie mich damit in Ruhe! Jetzt wird gnadenlos ausgesiebt! Wissen Sie was 7×7 ist? Feiner Sand, genau – und den mache ich jetzt aus den Guten unter Ihnen!“ Der Zettel der Oma landet im Abfall. „Sie haben die Wahl, wollen Sie in den Müll, oder zum feinen Sand gehören?“

15.50 Uhr: Ich bin dran, als Letzter, weil ich bewusst am Schluss abgegeben habe. Ich sage ich bräuchte nichts, hätte aber gerne ein Stofftier. Auch ich werde angegangen. „Was ich hier verschenke, bestimme immer noch ich. Wissen Sie, was Sie von mir bekommen? Nichts!“ Mein Zettel wandert in den Müll. So sortiert Engelbert clever die Leute aus, die er im Vorfeld und in den letzten Stunden als Nicht-Käufer ausmacht hat. Die potentielle Kunden die noch unentschlossen sind, setzt er so unter Druck – sie wollen ja auch zum feinen Sand und den Gewinnern gehören.

16.10 Uhr: „Sie brauchen die Kamera ja, dann würden Sie sie ja auch für 99 Euro kaufen, oder? Weil sie ja ab März 198 Euro kostet, oder?“ Jeder einzelne der Verbliebene bekommt diese Frage für das Messerset und die Kamera gestellt. Wer plötzlich doch keine Interesse mehr hat, wird als Lügner beschimpft. Wer eine Zusage erteilt, wird als ehrenhafter Mensch gefeiert. Ca. 25 Kunden stimmen zu, unterschreiben dann bei Engelbert einen Vertrag. Einen Durchschlag bekommen sie nicht.

16.25 Uhr: „Ich habe vorhin drei Herren auf der Toilette gehört, da vergeht mir jede Lust auf meinen Job! Sie haben mir vorhin versprochen, dass Sie sich erst am Ende ein Bild machen und lügen mich so an“, macht Heiner die Moserer weiter Mundtot. Er will „das wahre Gesicht einiger aufdecken“ und hat für die Käufer eine Überraschung. Die Kamera bzw. das Messerset ist umsonst: “Erst kommt der Test, dann kommt das Fest!”. Jetzt kommt wieder die Softi-Tour: „Leute wie Sie, haben dieses Land wieder aufgebaut,…“, ekelhaft!

16.50 Uhr: Ein alte Dame schimpft über die Frechheiten Heiners – der macht sie fertig: „Dann bleiben Sie das nächste Mal daheim und atmen mir nicht die Luft weg. Das war jetzt ein Warnschuß! Sie verlangen das junge Leute respektvoll mit Ihnen umgehen? Wer bei mir Wind sät, wird Sturm ernten! Sie sind auch so eine, die immer nur nimmt und nimmt und nie gibt, Sie sind mir schon den ganzen Tag aufgefallen!“ Die Frau hat Tränen in den Augen, ist verstört! Unfassbar!

17.00 Uhr: Heiner zieht die gleiche Nummer noch einmal ab. Dieses Mal mit einem Garkochtopf. Erst ist er geschenkt und wird auf den Kaufvertrag geschrieben, dann soll er doch Geld kosten – wie schon zuvor nur die Hälfte des eigentlichen Preises. Die Frage nach dem Bedarf wird gestellt, Heiner geht hart mit einigen ins Gericht, tetstet so die Kaufbereitschaft. Wenige springen jetzt noch ab. Dann macht Heiner wieder den Wohltäter. „Auch das ist für Sie jetzt umsonst. Erst kommt der Test, dann das Fest!“ Die Kunden applaudieren lautstark. Sie sollen sich wie Gewinner fühlen, der Rest soll als Depp dastehen – die Masche funktioniert.

17.20 Uhr: Wieder gerät Heiner in Rage: “Wenn Sie mir erst sagen Sie brauchen das und dann wollen Sie es zum halben Preis nicht, dann sind Sie ein Lügner! Einige von Ihnen schießen sich hier selbst ab! Habe ich bisher ein Wort von dem, was ich versprochen habe nicht eingehalten?“ Die Gäste die ein Geschenk genommen hätten, bei Kosten jedoch abgesprungen sind, werden erneut massiv angefeindet. Die Käufer als die Retter der Branche gefeiert.

17.30 Uhr: Zum dritten Mal zieht Heiner die Tour ab. Dieses mal mit der Magnetfelddecke. Diese soll statt 1.798 Euro „nur“ 899 Euro kosten. 14 Verträge bleiben bestehen, viele hoffen natürlich, dass Heiner wieder Geschenke verteilt, dass erst der Test und dann das Fest kommt. Wie schon bei den Produkten zuvor arbeitet Heiner mit Sätzen wie: “Das kostet Sie jetzt aber Geld, das wissen Sie hoffentlich?” Die Verträge werden neu aufgesetzt, die Kunden müssen unterschreiben. Manche Gäste fragen sogar, ob Sie nicht doch kaufen dürfen. Sie dürfen! Und Heiner angelt sich noch ein paar potentielle Kunden dazu. Am Ende hat er geschätze 20 Decken mit Bonusgeschenken für stolze 899 Euro an den Opa und die Oma gebracht. Heiner will die Gäste jetzt noch etwas hinter dei Kulissen blicken lassen, erzählt von Aussenständen von 1,1 Millionen allein im letzten Jahr, die den “Chef” fast gezwungen haben die Firma zu schließen. Wieder folgt eine Privatstory von einem Kumpel, der als Handwerker von seinen Kunden in den Ruin getrieben wurde. Der Klassiker folgt: “Aber Sie, Sie sind ja nicht so, oder?”

17.50 Uhr: Ein letztes Mal feiert Heiner die Käufer, outet sich selbst als Chef der Firma (und wiederspricht sich hier selbst, da der Chef laut Heiner Aussage 62 ist, er selbst irgendwas mit 40). Er erklärt zum gefühlt 20. Mal, dass er alle Versprechen eingehalten hat, ein Mann ist, der zu seinem Wort steht, dass er das von Vater und Opa so gelernt hat und dass die, die ihm nicht vertraut haben jetzt die Dummen sind. Die Kunden klatschen lautstark. Ich unterhalte mich mit einigen. Sie glauben ein Schnäppchen gemacht zu haben, schimpfen sogar über die Nicht-Käufer. Die totale Gehirnwäsche hat hier stattgefunden und war auch noch extrem erfolgreich. Ich koche innerlich vor Wut, würde so gerne etwas sagen – darf aber nicht auffliegen, weil ich das Ende erleben will.

18.00 Uhr: Zum Abschied das versprochene Gewinnspiel, dass dem ganzen die Krone aufsetzt. Engelbert ist wieder dran: „Wir haben bei Lotto spezielle Lose für Sie drucken lassen. Sie rubbeln die Felder auf, wenn drei Beträge gleich sind, haben Sie gewonnen.“ Er teilt gegen Rückgabe des Einladungsschreibens je ein „Rubbel-WM“-Los von Lotto Thüringen aus. Auf der Rückseite des Loses steht die Gesamtzahl. Es gibt mehr als 500.000 davon. Genau zwei Lose (von mehr als einer halben Million) können 5.000 Euro gewinnen! Ein Mann gewinnt 5 Euro, drei gewinnen 50 Cent. „Sie sind sicher jemand, der sich auch über kleine Dinge im Leben freuen kann, oder?“. Zustimmung. Selbst wenn ein Kunde 5.000 Euro gewonnen hätte. Heiner hätte ihm das Geld gegeben, das Los behalten und sich die Kohle bei Lotto zurückgeholt. Die Bedienungen werden zum kassieren gerufen. Über die Boxen schallt zum dritten Mal “Du hast micht tausend Mal belogen” – ich weiß nicht, ob ich darüber lachen oder losheulen soll.

18.30 Uhr: Die Nicht-Käufer müssen in den Bus, die Käufer dürfen noch auf einen Sekt bleiben. Unfassbar wie hier zehn Stunden lang Gehirnwäsche betrieben wurde. Die Käufer fühlen sich wie die Gewinner, die anderen sind sauer, wollen nie wieder bei so etwas mitmachen. Clever, denn Nicht-Käufer sollen ja ohnehin nicht mehr mit. So wurde den Kunden ein gutes Gefühl verpasst, die “Hobbyfahrer” hingegen aussortiert. Nach 15 Minuten Wartezeit geht es endlich los. Eine alte Frau fragt den Busfahrer, ob er an einer anderen Haltestelle einen kurze Stop einlegt, weil diese vor ihrer Haustüre ist und sie von der  anderen Haltestelle lange laufen muss. Er sagt “Nein”, will sich an seinen Fahrplan halten. Auch nett!

19.35 Uhr: Ankunft in Aschaffenburg-Schweinheim. Ein zwölf Stunden langer Tag geht zu Ende, ich bin körperlich und mental total am Ende. Wie muss es da erst den alten Leuten gehen. Geschätzte 20-25.000 Euro Umsatz haben Engelbert, Heiner und ein dritte Mann namens Ralf (oder Ralph) heute erzielt. Viele der Fahrgäste haben ihnen eine ganze Rente überlassen, für Waren, die einen Gesamtwert von maximal 200 Euro haben. Die drei “Geschäftsleute” reiben sich die Hände – haben geschätze 10-15.000 Euro Gewinn erzielt, auch das Wirtshaus und das Busunternehmen haben kräftig kassiert. Wie all diese Leute in der Nacht ruhig schlafen können, ist mir ein Rätsel! Ich kann es in dieser Nacht nicht!

Hier noch das Einladungsschreiben. Um die Bilder in höherer Auflösung anschauen zu können, einfach anklicken.

posted by poppeBLOGt in Poppe schreibt's and have Comments (78)

78 Responses to “Auf Kaffeefahrt – ein Erlebnisbericht”

  1. Joh sagt:

    Das sind Drückermethoden und ich wudnere mich, das damit überhaupt noch Gewinn eingefahren werden kann. Die Sehnsucht der alten Menschen wird es wohl reißen.

    Aber eigentlich gehört so etwas verboten. Guter Blog-Eintrag!

  2. Tessa sagt:

    Das ist ja echt schlimm, was da passiert! Hab vorhin diesen Bericht gelesen, der hat mich erst auf das Thema gebracht: http://www.myheimat.de/stadtallendorf/ratgeber/rentner-fallen-auf-kaffeefahrt-herein-d2501585.html Der deutet ja schon an, was da passieren wird.
    Meine Oma und mein Opa sind früher auch manchmal auf Kaffeefahrten gegangen und ich dachte immer, das sei eine harmlose Veranstaltung für Senioren, wo es Kaffee und Kuchen gibt… nun, da hab ich mich wohl verschätzt.
    Hier ist eine Liste von Kaffefahrt-Anbietern, der Lahn-Dill-Kreis ist laut eigenen Angaben die einzige Behörde ist, der so eine Warnliste betreibt: http://www.lahn-dill-kreis.de/de/lebenimlahndillkreis/sicherheitordnung/gewerberecht/warnliste.html

    LG, Tessa

  3. Dennis sagt:

    Hi!
    Habe Deinen Blog gerade Schwiegeroma vorgelesen, sie will Dich (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) weiterempfehlen. Sie wurde zwar noch nicht so abgezockt, gehört aber zur Zielgruppe.
    Daher an dieser Stelle herzlichen Dank für den Artikel!
    Beste Grüße aus dem Norden.
    Dennis

  4. Nuri sagt:

    Was denkst Du jetzt? So’n Jahr später?
    Wie einer meiner Vorredner schon geschrieben hat – Deine Berichterstattung in Ehhren – aber Du warst dabei, als Rentner um die 25tsnd Euro gebracht worden sind!
    Hättest Du nicht nebenher noch die Bullerei verständigen können, in dem Du eine SMS an ‘nen Bekannten schicktest, der die Beamten an Ort und Stelle hätte bestellen können??!

    • poppeBLOGt sagt:

      Ich sehe das noch genau so wie vor einem Jahr. Das ist üble Abzocke bei der mit der Einsamkeit alter Menschen Profit gemacht wird.
      An Polizei dachte ich damals mehrfach, aber da wurde nicht wirklich viel unrechtmäßiges getan. Jeder durfte gehen wann er wollte (klar, in der Pampa kommste halt nicht weg) und das Einladungsschreiben war so geschickt gemacht, dass man bei genauerem Hinschauen erkannte, dass alles nur im Konjunktiv geschrieben ist. Ich wollte zudem bis zum Ende sehen, was passiert. Es gibt jeden Tag hunderte diese Fahrten, eine mit der Polizei zu stürmen ist ein Strohfeuer – die Hintermänner müssen gefunden werden. Deswegen habe ich mich entschieden diesen kompletten Tag 1:1 zu dokumentieren und so die Bevölkerung zu sensibilisieren.

  5. [...] Auf Kaffeefahrt – Ein Erlebnisbericht [...]

  6. Das Problem ist einfach das jeden morgen mindestens ein Dummer aufsteht. Es gab mal einen Test, von einer Verbraucherschutzorganisation wo Leute gefragt wurden, ob sie auf “Phishingseiten” reinfallen würden. Alle die “nein” gesagt hatten, wurden nach ihrer Mail Adresse gfragt um ihnen die auswertung dieses Tests zukommen zu lassen, statt dessen schickte die Verbraucherorga eine Phishingseite der Bank der befragten, 99% fielen darauf herein. Das Problem ist einfach das viele sagen “darauf falle ich nicht rein” oder auch “Ich fahre mit aber kaufen tu ich nix” und machen es dann doch. Im Zeitalter der Smartphones wäre es doch mal ganz lustig, direkt die Preise zu vergleichen und dem “Moderator” um die Ohren zu hauen (Aber dann Bodyguard mitnehmen).

  7. Stadtpirat sagt:

    Ich glaube, ich will auch mal eine Kaffeefahrt mitmachen :)

  8. [...] man in Madrid sehr viele alte Men­schen sieht. Ich bin schon in Busse gestie­gen, die auf einer Kaf­fee­fahrt hät­ten unter­wegs sein [...]

  9. Mezgrman sagt:

    Tzzz diese Leute die sowas veranstalten sollte man hängen -.-

  10. Marius sagt:

    Ich wünsche den Leuten die soetwas machen einfach nur den Tod.. Ich hab’ das Glück dass Ich emotional nur sehr schwer zu beeindrucken bin und alles sachlich und realistisch angehe. Ich hätte da keine Probleme und manipulieren konnte mich auch noch niemand. Gut, Ich bin jetzt 21 und weiß nicht wie’s dann ist wenn Ich alt bin … Naja, üble Abzocke jedenfalls

  11. bluhnah sagt:

    das ist echt ungeheuerlich, was mit den alten leutchen getrieben wird :-(

  12. [...] Auf Kaffeefahrt – ein Erlebnisbericht: [...]

  13. [...]   [ Tagesgeschehen ~ Politik ~ Kultur ] Bitte zeichnen Sie eine Blume! Verfassungsbeschwerde gegen das Internet-Sperr-Gesetz eingelegt Was im Fahrschulauto gar nicht geht Datenschützer geht gegen Adsense, Amazon-Links und IVW vor Auf Kaffeefahrt – ein Erlebnisbericht [...]

  14. [...] Auf Kaffeefahrt – Ein Erlebnisbericht [...]

  15. thiara.de sagt:

    [...] ich den ~ Bericht von Poppe ~ über sein Erlebnis einer Kaffeefahrt lese, das er per iPhone dokumentiert hat, bin ich verdammt [...]

  16. Voodooschaaf sagt:

    Ja der absolute Wahnsinn, hat ja schon schwer was von Sektierer-Methodik.
    Danke fuer diesen Bericht, made my day.
    Absolutely.

    Es gruesst das Schaaf

  17. [...] “Auf Kaffeefahrt – ein Erlebnisbericht“ Thomas Poppe hat “undercover” eine Kaffeefahrt mitgemacht und erzählt wirklich Erschreckendes über die Methoden der Veranstalter. [...]

  18. [...] oder womöglich Bekannte oder Verwandte vorhabt, auf einer Kaffeefahrt mitzufahren, solltet ihr den Erlebnisbericht von Poppe lesen. Es scheint, als habe das Fernsehen hier nicht übertrieben, als es die Kaffeefahrten [...]

  19. Jens sagt:

    Toller Erfahrungsbericht, vielen Dank. Es hat sich mal wieder gezeigt, dass an den schlimmen Geschichten über Kaffeefahrten wirklich was dran ist.

  20. Eniac sagt:

    Spitzenbericht, ganz wie aus dem Lehrbuch der Kaffeefahrtenabzocker. Schade nur, das die Photos der Drücker etwas unscharf sind, die Visagen würde ich zu gerne sehen. Beim nächsten Mal, dann wenn die Magnetdecken verhökert werden, Polizei und Ordnungsamt heimlich informieren, dann geht der Spaß richtig los.

  21. Ja, ich weiß, die Polizei ist überbelastet und ich hab nicht gesagt, dass das deren oberste Pflicht ist. Ich sagte: es MÜSSTE, damit sie es direkt mitkriegen. Und wer sonst außer Polizei/Ordnungsamt mit Gesetz im Rücken könnte das sonst tun?

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