Schon seit Wochen beherschen Faschingsevents die Veranstaltungskalender. Für viele einfach ein Grund sich mal ohne Scham mit ulkigen Kostümen zum Horst zu machen, für andere ein guter Grund sich mal so richtig die Lichter auszuschießen. Für mich ist Fasching auch immer mit Kindheitserinnerungen verbunden. Die ersten Umzüge, Sitzungen und eigenen Auftritte in der Bütt, verkleidet als Cowboy, Indianer oder was die hauseigenen Kostümkiste eben so hergab.
Heute bin ich eher durch Zufall auf das folgende Video gestoßen:
“Rucki Zucki” von Ernst Neger. In Zeiten in denen schnell und lieblos produzierte Mallorca- und Apres-Ski-Hits das Musikgeschehen beherschen, kann ich mich über genauso solche Lieder so richtig freuen. Warum? Weil es genauso herzlich und liebevoll, genauso simpel wie genial sind, wie es eben heutzutage fast kein “Faschingshit” mehr ist. Der einzige Zweck des Songs ist es den Leute eine Freude zu bereiten, sie für ein paar Minuten einfach mal wild mit den Armen durch die Luft wirbel, klatschen und mitsingen zu lassen – und nicht der schnelle Euro mit einem stupiden Song über Titten, Saufen oder Ficken. Dazu braucht man keine “Zwiebel auf dem Kopf” und “Ein Döner”, kein “Rotes Pferd” und schon gar keine Atzenmusik.
Ernst Neger – der singende Dachdecker. Geboren 1909, gestorben einen Tag nach seinem 80. Geburtstag – natürlich jeweils in Mainz. Allein ein einziger Satz aus seiner Wikipedia-Seite sagt, warum keine Mickey Kraus, kein Peter Wackel, keine Atzen und auch keine Markus Becker je auch nur einen Furz weit in seinen Nähe kommen werden:
Allein die Erstaufführung des „Humba Täterä“ 1964 führte zu einer einstündigen Überziehung der Übertragung, weil sich das Publikum nicht beruhigen konnte.
Lieder wie Humpa Täterä werden heute noch in Stadien gesungen, von mittelmäßigen Malle-Musiker gecovert und von besoffenen Teenies gegröllt, die in dem glauben sind, “dass der Krause da nen echt coolen Song geschrieben hat”. In Zeiten in denen Sendungen wie “Deutschland sucht den Superstar” bestimmen, welche Lieder in die Charts kommen, sollten wir alle ein bisschen mehr Ernst Neger sein, ein bisschen mehr “Humpa Täterä” und “Heile heile Gänsche” singen und hoffen, dass irgendwann mal wieder einer kommt, der uns mit solch genialem Liedgut beschenkt. Amen, Helau, Alaaf!
PS: Negers weibliches Gegenstück ist übrigens Margit Sponheimer – quasi die “Queen of Faschingssongs”.
Tags: Ernst Neger, Fasching, Heile Gänsche, Humba Täterä, Karneval, Legenden, Mainz, Margit Sponheimer, Musik
[...] Es ist wieder Fasching – A tribute to Ernst Neger | poppeBLOGt – bei poppeBLOGt wird schön aufgezeigt, was eine Legend wie Ernst Neger von den “Stimmungssängern” der heutigen Zeit unterscheidet. [...]
Ernst Neger und Margit Sponheimer sind bzw. waren schon zwei Größen in der Mainzer Fassenacht was das Musikalische angeht.
Möchte aber noch kurz auf ein anderes Lied von Ernst Neger eingehen, was nicht in diese Stimmungslieder reinpasst aber auch zeigt, was für ein großartiger Unterhalter Ernst Neger war: “Heile, heile Gänsje”. Dieses umgedichtete Kinderlied, hat in Mainz eine unglaublich große Bedeutung. Besonders die Strophen Drei und Vier:
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…Wenn ich emol de Herrgott wär’, dann wüsste ich nur eens:
Ich nähm’ in meine Arme fest mein arm’ zerstörtes Meenz.
Ich drückte es ganz fest an mich und sagt’ “Hab’ nur Geduld!
Ich bau Dich widder auf geschwind! Ei, Du warst ja gar net schuld.
Ich mach dich widder wunnerschön,
Du kannst, Du derfst net unnergehn
Heile, heile Gänsje
Es is bald widder gut,
Es Kätzje hat e Schwänzje
Es is bald widder gut,
Heile heile Mausespeck
In hunnerd Jahr is alles weg.
Wenn ich mir so mei Meenz betracht, dann denk ich in mei’m Sinn
Mer hat’s mit Meenz genau gemacht wie mit der Stadt Berlin.
Man hat’s zerstört, hat’s zweigeteilt. Und trotzdem hab ich Mut,
Zu glaawe, des des alles heilt. Aach des werd widder gut
Meenz und Berlin, Ihr seid so schön.
Ihr könnt, Ihr derft net unnergeh‘n…
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Das Lied hat er erstmals Anfang der 50er Jahre gesungen, Mainz war nach dem Krieg zu 80% zerstört und ein Teil des Stadtgebiets wurde durch die unterschiedlichen Besatzungszonen an Wiesbaden gegeben (im Übrigen bis heute gehören die drei Stadtteile zu Wiesbaden).
So wie er es mit Humba Täterä geschafft hat einen ganzen Saal zu ewig langen Ovationen zu bewegen, so hat er es mit diesem Lied geschafft, bei einer eigentlich lustigen Veranstaltung wie einer Fastnachtssitzung, einen ganz Saal zum Weinen zu bringen.
Die Bedeutung wird vielleicht auch klar, wenn man sieht, dass dieses Lied auf Platz 1 von 111 bei einer dieser leidigen Chartsendungen (diese im SWR) gewählt wurde als “größter Fastnachthit aller Zeiten” und das über 55 Jahre nach seiner Uraufführung.
Nun und Margit Sponheimer hat ja mit “Am Rosenmontag” quasi die Mainzer Nationalhymne geliefert